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Frankfurt: Veranstaltungsberichte - 22.09.11

Papa Ratzi unerwünscht. Frankfurter Veranstaltung zum Berliner Papstbesuch

Von: Peter Menne

Helge Nyncke und Peter Menne lasen am 22. September 2011 im Club Voltaire aus "Eine gotteslästerliche Floßfahrt" und "Opus Diaboli" von Karlheinz Deschner.

Foto: Jan Steffen

Als Papa Ratzi vor dem Parlament predigte, demonstrierten Tausende in Berlin gegen den Staatsbesuch der letzten Diktatur in Europa - doch nicht jeder konnte werktags in die Hauptstadt fahren, zur Demonstration "Der Papst kommt" (http://derpapstkommt.de/), die von vielen Säkularen Organisationen (http://www.korso-deutschland.de/), darunter auch der HU (http://berlin.humanistische-union.de/), veranstaltet wurde.

Die Frankfurter HU bündelte den Protest im Rhein-Main-Gebiet - in bester aufklärerischer Tradition: Peter Menne las aus "Opus Diaboli" von Karlheinz Deschner (http://www.deschner.info/). Düster waren die Wahrheiten über das Treiben der Kirche nicht erst seit Gründung ihres Vatikanstaates. Doch Helge Nyncke (http://www.helge-liest-helge.de/) hellte die Stimmung mit witzig-bissigen Satiren auf. Gekonnt persiflierte er die karnevalesken Kostümierung des Papstes: Helge Nyncke trat mit weißem Umhang und aus alter Baseball-Mütze ausgeschnittenem rundem Käppi auf. Frankfurts Club Voltaire war gut besucht, manche Gäste sogar aus Frankreich, Duisburg oder Weilburg angereist, um kirchenkritische Texte von den beiden zu hören.

Peter Menne rief in Erinnerung, dass Papst Ratzinger nicht etwas als Tourist durch Deutschland reist - so wurde sein Amtsvorgänger Woytila im Februar 1979 vom mexikanischen Präsidenten begrüßt. Zwar sind 97,5 Prozent der Mexikaner Katholiken - doch der Staat ist säkular und unterhält keine diplomatischen Beziehungen zum Vatikan. Anders Deutschland: kaum ein Drittel der Bevölkerung gehört der katholischen Kirche an - doch "Papa Ratzi" wird als Staatsgast empfangen. Was für einem Staat steht Ratzinger vor?

Bevor Peter Menne mit Deschner einen Streifzug durch die neuere Geschichte - die Nazi-Geschichte, mit der der Vatikan sehr verbunden ist - unternahm, stellte Helge Nyncke dessen Staatschef vor - im Originaltext: "Das Dilemma der Gleichzeitigkeit von Glaube und Geschichte" besteht für Papst Ratzinger darin, dass man entweder versucht, "Christologie auf der Ebene des Historischen zu beweisen", oder sich dazu entschließt, sie "schlicht auf das Belegbare zu reduzieren", oder aber, da beide Wege nicht zum Erfolg führen können, "der Historie ganz zu entfliehen und sie als überflüssig für den Glauben hinter sich zu lassen". Und wenn man sich schon dergestalt flugs des unangenehmen Ballasts der Geschichte, insbesondere der Kriminalgeschichte des Christentums entledigt hat, fällt es umso leichter, Sätze zu formulieren wie den, dass "da, wo Gott den Menschen außer Sichtweite gerät, auch der Friede verfällt und die Gewalt mit vorher ungeahnten Grausamkeiten überhandnimmt".

Nach solchen fundamentalen Einsichten wendet sich der Kirchenmann dann doch lieber wirklich wichtigen Lebensfragen zu, etwa dem schwierigen Glauben an die Trinität: Deren Widersprüche versucht er damit zu erklären, dass es hier um einen Bereich gehe, "in dem nur das demütige Geständnis des Nichtwissens wahres Wissen und nur das staunende Verbleiben vor dem unfassbaren Geheimnis rechtes Bekenntnis zu Gott sein" könne.

Klingt das logisch - oder ein wenig verwirrt? Aus den Worten des als "intellektuell" apostrophierten Papstes wird dennoch deutlich: auf historische Wahrheit, auf empirische Fakten legt der Vatikan-Chef keinen Wert. Wenn man erinnert, wie der Vatikanstaat entstanden ist, mit wessen Hilfe: dann scheint Ratzingers Fremdeln mit der Historie nachvollziehbar, geradezu einleuchtend.

Denn "Mussolini, Autor von 'Es gibt keinen Gott' und 'Die Mätresse des Kardinals', hatte noch 1920 religiöse Menschen krank genannt, auf die Dogmen gespuckt" (Deschner, S. 152) und sich über die Pfaffen lustig gemacht. Doch nach seinem "Marsch auf Rom" suchte der Duce institutionelle Unterstützung - und fand sie bei der katholischen Kirche: Menne referierte aus "Opus Diaboli", wie die Kirche erst dem italienischen Faschismus huldigte: zum Dank dafür, dass der Duce Rom geteilt und der Kirche 1929 den Vatikanstaat geschenkt hat.

Als "man vom König Mussolinis Absetzung forderte, stellte sich der 'Heilige Vater' wieder auf die Seite des faschistischen Verbrechers und verkündete am 20. Dezember 1926: 'Mussolini wurde uns von der Vorsehung gesandt.' Drei Jahre später schloß man die Lateranverträge, die das Ansehen der Faschisten enorm steigerten, wie bald darauf das Konkordat mit Hitlerdeutschland das Prestige der Nazis, vor allem aber der Kurie gewaltige Vorteile brachten." (Deschner, S. 153). Die Lateran-Verträge: mit ihnen wurde das von Garibaldi geeinte Italien wieder geteilt. Zusätzlich zu dem Stadtteil von Rom, der seit 1929 als selbständiger "Vatikanstaat" gilt, erhielt die Kirche "die nach damaliger Währung ungeheure Summe von einer Milliarde Lire in Staatspapieren und 750 Millionen Lire in bar; bei fünfprozentiger Verzinsung eine Jahresrente von fast 90 Millionen." (Deschner, S. 154).

Faschistisches und katholisches Denken harmonierten - nicht nur in Mussolinis Italien, sondern genauso in Francos Spanien und in Hitlers Deutschland und Österreich. Österreich? Anlässlich des "Anschlusses" verfassten eine Reihe von Kirchenfürsten, Kardinälen, Fürstäbten etc. pp. eine "feierliche Erklärung":

"Aus innerster Überzeugung und mit freiem Willen erklären wir unterzeichneten Bischöfe der österreichischen Kirchenprovinz anläßlich der großen geschichtlichen Geschehnisse in Deutsch-Österreich: Wir erkennen freudig an, dass die nationalsozialistische Bewegung auf dem Gebiet des völkischen und wirtschaftlichen Aufbaues ... für das Deutsche Reich und Volk ... Hervorragendes geleistet hat und leistet. Wir sind auch der Überzeugung, dass durch das Wirken der nationalsozialistischen Bewegung die Gefahr des alles zerstörenden gottlosen Bolschewismus abgewehrt wurde. Die Bischöfe begleiten dieses Wirken ... mit ihren besten Segenswünschen und werden auch die Gläubigen in diesem Sinne ermahnen. Am Tage der Volksabstimmung ist es für uns Bischöfe selbstverständliche nationale Pflicht, uns als Deutsche zum Deutschen Reich zu bekennen, und wir erwarten auch von allen gläubigen Christen, dass sie wissen, was sie ihrem Volke schuldig sind. Wien, am 18. März 1938, ..." (Deschner, S. 161 f.) Diese Huldigung wurde dem Gauleiter "mit dem Ausdruck ausgezeichneter Hochachtung und Heil Hitler" von Kardinal Innitzer übersandt (Deschner, S. 162).

Mitunter legt die Kirche großen Wert auf ihre lange Geschichte. Bitter war die Erinnerung daran, was für einen Staat der Bundestag zu Gast hatte: Die Europäischen Konvention zum Schutz der Menschenrechte hat der Vatikan bis heute nicht unterzeichnet - wohl aus gutem Grund: so mancher Prozess vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte z.B. wegen Frauendiskriminierung wäre wohl schnell verloren gewesen.

Während Peter Menne noch die ernsten Passagen aus Deschners "Opus Diaboli" las, zog Helge Nyncke sich auf der Bühne päpstlich an: mit weißem Umhang ausstaffiert, von weißem Käppi gekrönt, las er aus "Weißer Rauch", einem Text nicht nur über Päpste in Frauenkleidern:

Foto: Jan Steffen

"...Die subtile Botschaft also lautet: du kannst gar nicht so verloren sein, wie du dich fühlst, wenn selbst ein hinfälliger asexueller Tattergreis in Frauenkleidern noch überraschende Vaterfreuden ganz ohne Weib und Kinder erleben kann! Nimm dir ein leuchtendes Beispiel an seinen stereotypen Wiederholungsgesten, dem ständigen Arme-ausbreiten ohne zu fliegen oder zu umarmen, der kreuzweisen Luftmalerei, die sich nicht zwischen oben oder unten, links oder rechts entscheiden kann und sich deswegen symbolisch auf ein unklares sowohl-als-auch reduziert hat, das Dauerlächeln ohne direkten Blickkontakt: alles Anzeichen hochgradig gestörter Verhaltensauffälligkeiten, aber auch damit kannst du reich und berühmt werden! Höre auf seine gesalbten Worte, die mit seniler Fistelstimme alles und nichts aus sich selbst heraus erklären, und wo das noch immer nicht reicht, es schlicht zum Geheimnis verklären: auch ohne etwas zu sagen, kannst du reden wie ein Buch! Und das wird dann sogar noch in Bestsellerauflagen in Buchform gedruckt!..." (Helge Nyncke, Weißer Rauch, in: Eine gotteslästerliche Floßfahrt)

War das satirisch überhöht? Oder einfach nur die Absurditäten der Kirche auf den Punkt gebracht? Das Publikum jedenfalls war begeistert. Von der Satire zurück zu den ernsten Seiten, beispielsweise kirchlicher Mission mit ihren tödlichen Folgen.

Bei "Mission" denkt man heute gerne an verschrobene Fundamentalisten, die mit buntem Pappschild einsam durch Fußgängerzonen ziehen, auf Gitarren schrammeln oder still wie die Zeugen Jehovas ihren "Wachturm" mehr oder minder dekorativ in die Höhe halten. Nervend wird's erst, wenn zum Hausbesuch an sämtlichen Wohnungstüren geklingelt wird. Doch katholische Mission sieht anders aus - der katholische Bischof Bartolomé de Las Casas hat präzise notiert, wie Mission in Kuba, Haiti, ganz Südamerika gelaufen ist. Deschner montiert dessen Berichte kongenial mit päpstlichem Predigtston:

"'Die Christen', schreibt Las Casas, 'drangen unter das Volk, schonten weder Kind noch Greis, weder Schwangere noch Entbundene, rissen ihnen die Leiber auf und hieben alles in Stücke, nicht anders, als überfielen sie eine Herde Schafe ...' - '... um Christus, den Erlöser, zu verkünden', frohlockte der Papst, 'um die Würde der Eingeborenen zu verteidigen, für ihre unantastbaren Rechte einzutreten', 'das Reich Gottes ... bei euren Vorfahren präsent zu machen'. 'Sie wetteten miteinander, wer unter ihnen einen Menschen auf einen Schwertstreich mitten voneinander hauen, ihm mit einer Pike den Kopf spalten oder das Eingeweide aus dem Leibe reißen könne'. 'Seitdem', jubelte der Papst, 'öffnete sich dieses geliebte Volk hier dem Glauben an Jesus Christus.'" (Deschner, S. 210 f.)

Deschner zitiert den Bischof Las Casas über die Zahl der über der Mission verstorbenen Indios, die Ausrottung ganzer Völker - und wie Papst Woytila derlei Mission als Verbreiten de "frohen Botschaft" preist. Die Verbrechen der Amerika-Mission springen ins Auge. Dennoch lässt die Kirche sich als Instanz "moralischer Werte" hofieren. Was wäre, wenn...?

Was wäre, wenn das Strafrecht unvoreingenommen angewandt würde? Mit "Gott ist tot" imaginierte Nyncke einen Prozess vor dem internationalen Strafgericht in Den Haag. Angeklagt: ein gewisser "Gott" wegen Massenmordes an fast allen Menschen, Tieren und Pflanzen.

"...Das höchstrichterliche Urteil erging einstimmig und ohne die Möglichkeit einer Revision. Der Hauptangeklagte wurde in sämtlichen Anklagepunkten für schuldig befunden. An seiner Schuldfähigkeit hafteten allerdings grundsätzliche Zweifel hinsichtlich der Frage nach der Haftbarkeit im Falle des Nachweises seiner faktischen Nichtexistenz. Aufgrund eindeutiger Indizien für die Realität der Anklagepunkte bei gleichzeitiger Nichtfeststellbarkeit der Existenz des Angeklagten wurde er schließlich mit einem formaljuristischen Kunstgriff in Abwesenheit zum Tod durch die amtliche Streichung aus dem Register der real existierenden Wesen verurteilt. Gott existiert damit nun amtlich, rückwirkend, in Gegenwart und Zukunft nicht mehr.

In der Urteilsbegründung heißt es, die ihm zur Last gelegten Verbrechen überstiegen jedes vorstellbare Maß an Grausamkeit und Menschenverachtung und die ideologischen Grundlagen der seine Existenz suggerierenden Verherrlichung seiner Taten jedes Maß an Unvernunft, Verantwortungslosigkeit und Ignoranz..." (Helge Nyncke, Gott ist tot, in: Eine gotteslästerliche Floßfahrt.')

Mit tosendem Applaus dankte das Publikum für Nynckes Gabe, Dinge literarisch gekonnt auf den Punkt zu bringen.

Peter Menne und Helge Nyncke hatten in munterem Wechsel anderthalb Stunden gelesen - so dass Peter Menne das aufmerksame Publikum fragte, ob es in die Diskussion einsteigen oder noch einen Abschnitt hören wolle? Die "konstantinische Schenkung" stand im Angebot - und ganz und gar nicht kirchlich ließen die Redner das Publikum demokratisch abstimmen. Eine klare Mehrheit entschied für weitere Lesung. So folgte auf die zweite Vatikanstaatsgründung durch den Faschisten Mussolini ein Auseinanderpflücken des Mythos "konstantinische Schenkung": Dazu griff Menne zu Rolf Bergmeier: "Kaiser Konstantin und die wilden Jahre des Christentums. Die Legende vom ersten christlichen Kaiser", bevor er weitere Passagen aus Deschners "Opus Diaboli" las.

Das Stichwort "Konstantin" reizte Helge Nyncke, zu deutlich aufgeklärterem Konstantin überzugehen: lebendig rezitierte er Konstantin Weckers "Habemus papam".

Wir haben einen neuen Papst
Jausa
einen neuen Papst
der neue Papst ist besser
ja besser
als der alte Papst
jeder neue Papst ist besser
wir wollen täglich einen neuen
frischen Papst
(...)
schon morgen fangen wir an
morgen schon wollen wir einen niegelnagelneuen
Papst
und den alten schaffen wir ab
und übermorgen schaffen wir den neuen ab
zuerst einen neuen
und dann abschaffen
jausa
jausa


wir schaffen gleich am besten alle ab
bevor der Neue da ist
wird er abgeschafft
dann sparen wir Geld
und Gebete und Tränen
und dann verkaufen wir den ganzen Vatikan
zum Schleuderpreis
zum ersten
zum zweiten
zum dritten
zum Schleuderpreis
Vatikan gefällig
frisch erhaltene Pieta
Juwelen, Fresken und Ornate
Päpste
konzilerprobt
und heilige Banken
und Häuser und Straßen und Seen und Paläste
billig abzugeben
(....)

Von Konstantin Wecker anlässlich der Wahl von Karol Woytila - bekanntgeworden als bodenküssender Papst - geschrieben, und die Verse über die "konzilserprobten Ehrwürdens" bleiben noch heute aktuell.

An die Vorträge schloss sich eine muntere Diskussion an. Wie man sich zu dem Thema engagieren könne?, fragte eine Besucherin. Peter Menne lud sie (und alle anderen interessierten Menschen) zum Jour fixe der Humanistischen Union ein, jeweils am ersten Donnerstag eines Monats um 19:00 Uhr im Club Voltaire in Frankfurt.

Literatur:

Karlheinz Deschner, Opus Diaboli. Fünfzehn unversöhnliche Essays über die Arbeit im Weinberg des Herrn.
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1994 (nurmehr antiquarisch erhältlich)

Helge Nyncke: Eine gotteslästerliche Floßfahrt. Leichtsinnige Variationen über tiefsinnige Fragen.
242 Seiten, Broschur mit zahlreichen Abbildungen
ISBN 978-3-936536-42-3
19.80 EURO
www.denkladen.de/product_info.php/info/p1274_Nyncke--Eine-Gotteslaesterliche-Flo-fahrt.html

Rolf Bergmeier, Kaiser Konstantin und die wilden Jahre des Christentums. Die Legende vom ersten christlichen Kaiser.
Alibri Verlag, 2010
http://www.denkladen.de/product_info.php/info/p1590_Bergmeier--Kaiser-Konstantin-und-die-wilden-Jahre-des-Christentums.html

Prof. Dr. Franz Buggle, Denn sie wissen nicht, was sie glauben. Oder warum an redlicherweise nicht mehr Christ sein kann
Alibri Verlag, 2004

Dr. Carsten Frerk, Violettbuch Kirchenfinanzen. Wie der Staat die Kirchen finanziert, Alibri Verlag, 2010
270 Seiten, 16,- Euro
http://www.alibri-buecher.de/product_info.php/info/p348_Carsten-Frerk--Violettbuch-Kirchenfinanzen.html

Dr. Heinz-Werner Kubitza, Der Jesuswahn. Wie die Christen sich ihren Gott erschufen. Die Entzauberung einer Weltreligion durch die wissenschaftliche Forschung
Tectum Verlag, 2011
http://www.jesuswahn.de/

Konstantin Wecker, Lieder und Gedichte, Ehrenwirth Verlag 1981

Hans Albert, Joseph Ratzingers Rettung des Christentums. Alibri Verlag 2008

http://www.helge-liest-helge.de