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Frankfurt: Medienresonanz - 25.03.06

Leitkultur Aufklärung

Michael Schmidt-Salomon

Frankfurter Rundschau vom 25.03.2005

Ein offensives Bekenntnis zur Tradition des Humanismus ist

nötig, sonst droht ein Jahrhundert der Religionskriege

Wir leben in einer Zeit der Ungleichzeitigkeit: Während wir technologisch im 21. Jahrhundert stehen, sind unsere Weltbilder noch von Jahrtausende alten Legenden geprägt. Diese Kombination von höchstem technischen Know-how und naivstem Kinderglauben könnte auf Dauer fatale Konsequenzen haben: Wir verhalten uns wie Fünfjährige, denen die Verantwortung über einen Jumbojet übertragen wurde.

Wissenschaft in falschen Händen

Eines der bedrückendsten Probleme der Gegenwart besteht darin, dass sich religiöse Fundamentalisten jeder Couleur in aller

Selbstverständlichkeit der Früchte der Aufklärung bedienen, um auf diese Weise zu verhindern, dass die Prinzipien der Aufklärung auf den Geltungsbereich ihrer eigenen Weltanschauung angewandt werden. So benutzten die Terroristen des " 11. September" Flugzeuge, die nur dank wissenschaftlicher Erkenntnisse konstruiert werden konnten, um eine Weltanschauung zu stützen, die wissenschaftlichen Überprüfungen niemals standhalten würde. Im Gegenzug führte George W. Bush die Welt in einen verheerenden " Kreuzzug" gegen " den Terror" und die " Achse des Bösen" , wobei er sich einer Technologie bediente, die niemals entwickelt worden wäre, wenn sich die Wissenschaftler mit dem Kinderglauben des US-amerikanischen Präsidenten zufrieden gegeben hätten, dass der Schöpfungsbericht der Bibel wahr sei. Das Gefahrenpotential, das aus einer solchen " halbierten Aufklärung" resultiert, sollte nicht unterschätzt werden.

Vor allem wäre es töricht, zu hoffen, den sog. " Kampf der Kulturen" dadurch meistern zu können, dass man seine Existenz leugnet

oder hofft, das Problem " irgendwie aussitzen" zu können. Wie nicht nur der so genannte " Karikaturenstreit" gezeigt hat, befinden wir uns bereits inmitten eines sehr realen, globalen Kulturkampfes, dessen Frontlinien allerdings weit komplizierter verlaufen, als sie von Huntington beschrieben wurden. Denn es geht heute keineswegs nur um einen Konflikt zwischen der " Welt des Islam" und der des "christlichen Abendlandes" , sondern parallel dazu auch um eine weltweite Auseinandersetzung zwischen jenen, die immer noch an archaischen Glaubensgewissheiten (gleich welcher Herkunft) festhalten möchten, und jenen, die sich konsequent zu den Werten von Humanismus und Aufklärung bekennen. Wohlgemerkt: Solche Vertreter einer konsequenten humanistischen Aufklärung findet man nicht nur in der westlichen Kultur, sondern gerade auch in den mehrheitlich muslimisch geprägten Regionen.

Wer Humanismus und Aufklärung als " europäische Binnenprodukte" begreift, unterliegt daher einer schwerwiegenden Fehleinschätzung.

Wie weit diesbezüglich die westliche Ignoranz geht, zeigte unlängst die Berichterstattung zum sog. " Manifest der 12" , in dem Autoren wie Salman Rushdie, Taslima Nasreen und Ibn Warraq den " muslimischen Totalitarismus" angriffen. In den deutschen Medien wurden die Verfasser, die sich allesamt zum säkularen Humanismus bekennen, als " muslimische Intellektuelle" bezeichnet - eine Absurdität sondergleichen (niemand würde Friedrich Nietzsche, Bertrand Russell oder Karlheinz Deschner als " christliche Intellektuelle" durchgehen lassen!); die nur deshalb nicht als solche wahrgenommen wurde, weil den Kommentatoren hierzulande nicht bewusst ist, dass der säkulare Humanismus eine höchst eigenständige Rolle im " Kampf der Kulturen" spielt.


Weltliche Standards haben Vorrang


Wer (wie die Autoren des Manifests) Humanismus und Aufklärung als Kernelemente einer universellen " Leit- und Streitkultur"

begreift, respektiert zwar, dass jeder Mensch glauben darf, was er will, schließlich sind die Gedanken frei - auch frei zur Unvernunft.

Allerdings sollte dies im 21. Jahrhundert keine Auswirkungen mehr auf die Politik haben. In der öffentlichen Diskussion müssen

notwendigerweise weltliche Standards gelten - und zwar in ethischer Hinsicht die humanistische Orientierung an den

Selbstbestimmungsrechten des Menschen sowie in methodischer Hinsicht die aufklärerische Orientierung an den Idealen der

intellektuellen Redlichkeit. Danach müssen Behauptungen logisch konsistent und empirisch belegt sein, damit sie von Relevanz sein

können. Gelingt es nicht, diese humanistisch-aufklärerischen Grundprinzipien im politischen Diskurs und in den Bildungsinstitutionen zu verankern, wird dies gravierende Konsequenzen haben. Die Gefahr, dass uns ein Jahrhundert der globalen Religionskriege bevorsteht, in dem Gotteskrieger den Takt vorgeben, nach dem die gesellschaftlichen Verhältnisse zu tanzen haben, ist weit realer, als dies gemeinhin angenommen wird. Will man dieser Gefahr entgegentreten, darf man im Konfliktfall keineswegs ängstlich zurückrudern. Gefordert ist vielmehr ein klares, offensives Bekenntnis zu jener oft verdrängten Leitkultur, mit der der gesellschaftliche Fortschritt stets verknüpft war: der Leitkultur Humanismus und Aufklärung. Sie allein weist uns den Weg jenseits von Fundamentalismus und Beliebigkeit - einen Weg, den wir beherzt einschlagen sollten, um die offene Gesellschaft gegen ihre Feinde zu verteidigen. Der Autor Dr. Michael Schmidt- Salomon ist Philosoph und Geschäftsführer der Giordano Bruno Stiftung. In seinem unlängst erschienen Buch " Manifest des evolutionären Humanismus" plädiert er für eine " zeitgemäße Leitkultur" .

Schmidt-Salomon wird in der Reihe " Leitkultur Menschenrechte" von Humanistischer Union und Frankfurter Rundschau am kommenden Donnerstag (30. März) ab 20 Uhr im Cafe Wiesengrund im Finkenhof, Finkenhofstr. 17, Frankfurt a. M., zu dem hier angeschnittenen Thema sprechen.


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