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Frankfurt: Veranstaltungsberichte - 14.10.11

Betörend aktuell: Esther Vilar

Martin Bauer

FRANKFURT (hpd) Nichts von seiner provozierenden Schärfe hat Esther Vilars Essay "Der betörende Glanz der Dummheit" verloren. Dies zeigte sich, als sie am Rande der Frankfurter Buchmesse aus der soeben erschienenen Neuauflage des Buches las.

Foto: Gregory Engels

Der Einladung der Humanistischen Union Frankfurt waren über 60 Personen gefolgt, der Club Voltaire war bis auf den letzten Platz besetzt. Peter Menne stellte die in London lebende Schriftstellerin als überzeugte Humanistin und streitbare Essayistin vor. Er erinnerte an ihr Buch "Der dressierte Mann", das in den 1970er Jahren leidenschaftliche Debatten ausgelöst und ihr den Ruf der "Anti-Feministin" eingebracht hatte. Und passend zur derzeitigen Debatte über die Finanzkrise, ihre Ursachen und Nebenwirkungen hatte die argentinisch-deutsche Autorin das Kapitel über "Dummheit & Reichtum" ausgewählt.

Grobe Gedankenlosigkeit

Die Oberschicht kommt nicht gut weg in Vilars Psychogramm der bürgerlichen Gesellschaft. Was denkt die Dame im Pelz? Was denkt das Ehepaar in seiner mit einer stacheldrahtbewehrten Mauer umgebenen Villa? Was denkt der Yachtbesitzer, wenn er von Deck aus auf den malerisch-trostlosen Küstenort blickt? Esther Vilar ist sich ziemlich sicher, dass sie nichts denken. Dass sie die nicht so glamouröse Welt um sich herum nicht wahrnehmen, geschehe nicht aus böser Absicht - es fehle diesen Menschen schlicht an Feingefühl. Eine unzulässige Verallgemeinerung? Nein, meint die Autorin, reiche Menschen können nicht phantasievoll und sensibel sein. Wer mit diesen Eigenschaften ausgestattet ist, könne möglicherweise reich werden - aber unmöglich reich bleiben. (In der anschließenden Diskussion führte ein Zuhörer als passendes Beispiel Ludwig Wittgenstein an, der sein Erbe verschenkt habe.)

Phantasielose Gemäldesammler

Ansonsten macht Vilar bei den Reichen die "gähnende Leere der Einfallslosigkeit" aus. Obwohl sie in jeder Hinsicht die besten Voraussetzungen haben, schaffen Reiche in aller Regel keine überraschenden Kunstwerke, erbringen keine genialen wissenschaftlichen Leistungen, allenfalls machen sie blendende Geschäfte. Selbst wenn sie Kunst sammeln, sammeln sie doch eigentlich nur teure Gemälde. Ihre Kreativität reicht nicht einmal dafür aus, sich die eigene Wohnung einzurichten.

Dies alles präsentierte die Autorin in einer mitreißenden Sprache, so dass die armen Reichen am Ende einigen im Publikum richtiggehend leidtaten. Schnell wurde auf einschlägige Ausnahmen verwiesen, den russischen Grafen und Romanautor Leo Tolstoi etwa. Auch die These, das langweilige Leben der Reichen verhindere, dass sie sich zu intelligenten Menschen entwickeln, da es dafür Konflikte und Kämpfe brauche, stieß auf Widerspruch (wobei aber möglicherweise nicht allen der Unterschied zwischen einem Essay und einer psychologischen Studie geläufig war). Am Ende der anderthalb Stunden waren die meisten dann doch um die eine oder andere Erkenntnis über Dummheit und ihren betörenden Glanz reicher.


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