Frankfurt: Veranstaltungsberichte - 20.10.10

Lafargues "Recht auf Faulheit" - Lesung und Diskussion mit Dr. Michael Wilk im Club Voltaire

Peter Menne

Zur Buchmesse las Dr. Michael Wilk aus Paul Lafargue: Das Recht auf Faulheit. Wilk hat Lafargues Klassiker neu herausgegeben und in Vortrag und anschließender Diskussion die Aktualität von Lafargues Kritik am Arbeitsbegriff herausgearbeitet.

Foto von Michael Wilk & Peter Menne

 

Die Humanistische Union (Frankfurt) hatte Michael Wilk am Mittwoch, den 6. Okt. 2010 im Rahmen der GegenBuchMasse eingeladen, um mit seinem Beitrag eine kritische Debatte sozialpolitischer Vorstellungen fortzusetzen. Der Frankfurter Club Voltaire war brechend voll, was die Aktualität des Themas unterstreicht.

Wilk las zunächst einige Abschnitte aus dem 1883 verfaßten "Recht auf Faulheit". Schon damals gab es schwere Wirtschaftskrisen; vor der Fordisierung richtete sich die Produktion kaum an die Arbeiter (erst Henry Ford hatte durch seine Umstellung der Produktionsweise und dadurch erzielte Verbilligung von Produkten die Arbeiterschaft als Konsumtenkreis erschlossen). Lafargue schildert anschaulich deren armselige Situation, um bissig das Verlangen nach einem "Recht auf Arbeit" zu kritisieren. Schon bevor Max Weber seine "protestantische Ethik" veröffentlichte, nimmt Lafargue die psychologischen Folgen der Arbeitsmoral auf's Korn. Lafargue wirft den Arbeitern vor, das sie benachteiligende System zu stabilisieren, indem sie die Sicht befördern, daß der Wert eines Menschen sich nach seiner Arbeit und ökonomischen Situation bemißt.

Hier schlug Wilk den Bogen zur heutigen Situation, verwies auf die psychische Situation von Arbeitslosen: gehäuftes Auftreten von psychischen Problemen bei Arbeitslosen ist statistisch nachweisbar. Sie werden nicht nur durch finanzielle Einschränkungen getroffen, sondern der Verlust des Arbeitsplatzes bedeutet Verlust von Selbstwertgefühl und Stigmatisierung.

Der Kapitalismus hat sich im Verlauf der Jahrhunderte gewandelt - ohne den Grundwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit aufzulösen. Doch mit dem Fordismus gelang die Inklusion von Arbeitern in die Konsumtionssphäre. Nach der Weltwirtschaftskrise 1929 wurde der Keynesianismus entwickelt: über massive Eingriffe hilft der Staat (großen) Betrieben durch die Krise und stabilisiert so das Wirtschaftssystem. Aktuell wird das Modell in der Bankenkrise genutzt: "systemrelevante Banken" werden mit Milliardenbeträgen am Leben erhalten oder verstaatlicht (wie die Hypo Real Estate), um so einen Zusammenbruch des Systems zu verhindern.

Wilk zog diese großen Linien, um zugleich auf die "Nebenwirkungen" solcher Rettungsstrategien aufmerksam zu machen: sowohl die ökologischen Folgen als auch den Abbau demokratischer Entscheidungsprozesse zugunsten so manchen Großprojekts.

Amüsant waren Wilks Hinweise zur privaten Situation Lafargues. Wilk zitierte aus einem Brief von Lafargues Schwiegervater Karl Marx, der drohte, die Beziehung zu seiner Tochter Laura bei "zu wilder Annäherung" verhindern zu wollen, und anempfahl, den Ehewunsch mit Abstand zur Geliebten zu prüfen. Gesicherte wirtschaftliche Verhältnisse waren dem künftigen Schwiegervater Karl Marx für seine Tochter Laura sehr wichtig.

In der lebendigen Diskussion wurden verschiedene Aspekte thematisiert, darunter die Definition von Arbeit - die regelmäßig mehr bedeutet als nur Einkommensquelle zu sein: zugleich auch Quelle von Anerkennung. Aus dem Publikum wurde darauf hingewiesen, daß die Gewerkschaften bis zum Anschluß 1989 für eine Arbeitszeitverkürzung auf 35 Stunden gekämpft hatten - nach der Wiedervereinigung war die Arbeitszeitdiskussion abgeschnitten (bis auf die 1994 vom Personalvorstand Peter Hartz bei VW eingeführte 28.8-Stunden-Woche - die 2006 ohne Lohnausgleich wieder abgeschafft wurde).

Widerstand rege sich zwar in vielen Gesellschaftsbereichen, aktuell z.B. das "Schottern" gegen Castor-Transporte. Doch insgesamt fehle eine positive Utopie, diagnostizierte Wilk: heute fehle eine Vorstellung davon, wie eine bessere Gesellschaft aussehen könnte. Was in der Politik als "Pragmatismus" verkauft werde, sei aber Utopieverlust. Das Phänomen liegt parallel zum "Hamsterrad", in dem die Vollzeit-Beschäftigten laufen - ohne Gelegenheit zur Reflexion, wie gut ihnen ihre Verhältnisse tun. Lafargues Ansatz stehe für die Linke, die nicht "lebt, um zu arbeiten", sondern ein hedonistisches Konzept:  einen Traum vom Glück, verfolgt.

 

Michael Wilk (Hrsg.): Paul Lafargue - Das Recht auf Faulheit.
Trotzdem bei Alibri, 97 Seiten, 10,00 Euro
ISBN 978-3-86569-907-7